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Abnehmen – Kritik
Über alles, was man beim Abnehmen so falsch machen kann

Abnehmen leicht gemacht mit Ernährungsplänen und Lebensmittelpaketen?

Wer abnehmen will, hat’s schwer. Da scheint es eine gute Idee zu sein, es sich so einfach wie möglich zu machen. Sehr beliebt sind Ernährungs- oder Diätpläne, die festlegen, was man wann in welcher Menge essen soll oder darf. Man braucht nicht mehr darüber nachzudenken, was man essen möchte, sich nicht mehr zu fragen, ob das jetzt die richtige Menge ist, ob es gesund ist und mit allen Nährstoffen versorgt. Der Plan hat alle diese Dinge für einen entschieden. Auf alle spontan auftauchenden Versuchungen gibt es eine einfache Antwort und die heißt nein.

Ernährungs- und Diätpläne

Gute Ernährungspläne enthalten die richtige Energiemenge, versorgen optimal mit allen nötigen Nährstoffen und kommen gleich zusammen mit den passenden Einkaufslisten und Rezepten, sind so kalkuliert, dass es keine Reste gibt.

Es gibt Ernährungspläne fertig im Netz zu finden, besser ist natürlich, sich auf professionelle Unterstützung durch Ernährungsberater oder Diätassistenten zu verlassen. Denn ist nicht ganz einfach, einen Plan zusammenzustellen, der wenig Kalorien und trotzdem alle Nährstoffe in der richtigen Zusammensetzung enthält. Dabei ist es sinnvoll, darauf aufzupassen, wem man sich anvertraut. Denn jeder darf sich als Ernährungsberater bezeichnen, auch wenn er nur das Ziel verfolgt, ein bestimmtes Produkt zu verkaufen. Eine qualifizierte Beratung gibt es dagegen bei Diätassistenten, Ökotrophologen oder Ernährungswissenschaftlern. In jedem Fall macht das Abnehmen mit dem Ernährungsplan immer noch eine ganze Menge Arbeit. Man muss einkaufen, oft Sachen, die man sonst nicht kauft und erstmal finden muss. Man muss abwiegen, kochen und fast immer auf die Lieblingsgerichte verzichten.

Und natürlich muss man sich disziplinieren. Nur das kaufen, was auf dem Plan steht, sonst nichts. Nur das kochen, was das Rezept sagt, spontane Ideen dürfen nicht realisiert werden.

Dafür gibt es im Allgemeinen auch einen deutlichen Abnehmerfolg. Jedenfalls dann, wenn man sich an alle Vorgaben hält. Was oft nicht so einfach ist und deshalb eben umso öfter misslingt, je länger man dabei ist. Ernährungspläne haben also offensichtliche Vorteile, während sich die Nachteile meistens erst mit der Zeit zeigen.

Lebensmittelpakete

Eine Schwierigkeit kann man vermeiden, wenn man auf das Einkaufen und Kochen auch noch verzichtet und sich stattdessen fertige Lebensmittelpakete nach Hause schicken lässt. Das spart Zeit und hat den weiteren Vorteil, dass man überhaupt kein Lebensmittelgeschäft mehr aufsuchen muss, was die Versuchungen deutlich reduziert. Kantine, spontanes Essen zwischendurch, Bäcker, Kiosk, Kaffee oder Bier mit Freunden und Essenseinladungen sind komplett gestrichen, was oft leichter fällt als eine Reduktion auf ein vernünftiges Maß. Mehrere Anbieter verschicken solche Pakete, zu unterschiedlichen Preisen und mit unterschiedlichem Inhalt. Häufig handelt es sich um Pulvernahrung. Man bekommt also eine Reihe von Dosen mit unterschiedlichen Pulvern, die man dann mit Wasser oder Milch anrührt und nach dem vorgegebenen Plan trinkt. Wer das einhält, nimmt ab. Meistens sogar recht schnell. Allerdings handelt es sich bei diesen Pulvern um Formuladiäten, die ein paar Nachteile haben.

Weil diese Nachteile inzwischen bekannt sind, gibt es auch Angebote, die zumindest einige Mahlzeiten nicht in Pulverform, sondern als richtiges Essen enthalten. Dabei handelt es sich dann meist um Fertiggerichte, die in voluminösen Styropor-Tiefkühlpaketen kommen. Fertiggerichte haben Vorteile, aber eben auch Nachteile, die sich nicht nur auf die unterbrochene Tiefühlkette beschränken. Heutzutage sind sie oft so gestaltet, dass die Nährwerttabelle durchaus Werte zeigt, die ein gesundes Essen vermuten lassen.

Allerdings ist es auch oft so, dass es statt Genuss Aromastoffe gibt, statt Gemüse Maltodextrin, dass das Essen trotz optimalem Kaloriengehalt nicht satt macht, dass Zusatzstoffe mit unbekannten Wirkungen reichlich enthalten sind. Die lange Haltbarkeit wird mit ein paar Nachteilen erkauft. Und wegen der durch die Lieferung unterbrochenen Kühlkette profitiert man dann noch nicht einmal von dieser Haltbarkeit, muss man sie doch sofort essen. Fertiggerichte sind also nicht jedermanns Sache. Wer sie gerne isst, wer sich an der industriellen Herstellung und am Einheitsgeschmack nicht stört, ist vielleicht ganz gut bedient.

Lebensmittelpakete, die sich aus alltäglichen Lebensmitteln zusammensetzen, sind auf Dauer natürlich die bessere Lösung. Man braucht sich um nichts zu kümmern, braucht in kein Geschäft zu gehen, bekommt alles geliefert, bekommt auch nicht mehr geliefert, als man braucht. Der Lerneffekt für die Zukunft ist sicherlich höher als wenn man nur Pulvernahrung zu sich nimmt. Grundsätzlich kann man sich mit solchen Lebensmittelpaketen auch auf Dauer ernähren, wenn es einen nicht stört, dass der gesamte Speiseplan festgelegt ist, dass es keinen Raum für Spontaneität, für Ausnahmen, Feste und Geselligkeit gibt. Wenn die Pakete von kompetenter Hand geplant und zusammengestellt sind, dann ist zumindest aus ernährungsphysiologischer Sicht nichts dagegen einzuwenden, sich auf diese Weise zu ernähren. Und es macht tatsächlich schlank. Jedenfalls dann, wenn man tatsächlich nur das isst, was geliefert wurde.

Bewertung und weiterführende Überlegungen

Abnehmen funktioniert dann, wenn man weniger Energie zu sich nimmt als man verbraucht. Das ist trivial. Nicht trivial ist die Frage, auf welche Weise man diese reduzierte Kalorienzufuhr realisieren soll, am besten auf Dauer. Lange Zeit war das Kalorienzählen in diversen Varianten modern, allerdings weiß man inzwischen, dass die Erfolgsrate dieser Abnehmmethode ausgesprochen bescheiden ist. Ein Grund dafür ist, dass die abnehmwilligen Kalorienzähler regelmäßig über ihren eigenen Ehrgeiz gestolpert sind, dass sie also versucht haben, immer noch weniger zu essen. Was dann nach einiger Zeit zum Kontrollverlust, zum Heißhunger geführt hat. Kalorienrestriktion ist also notwendig, zu starke Einschränkung ist dagegen kontraproduktiv. Etwas langsamer abzunehmen geht tatsächlich schneller als ehrgeizig ganz besonders schnell abnehmen zu wollen.

Ein anderer Grund für die geringe Erfolgsrate liegt in der oft unausgewogenen Ernährungsweise, die durch das Kalorienzählen realisiert wurde. Denn es ist garnicht so einfach, den eigenen Bedarf an allen Nährstoffen zu decken, wenn man wenig isst. Angebote, die einem das Kalorienzählen quasi abnehmen, weil jedes gelieferte Essenspaket bereits alle Nährstoffe in optimaler Menge enthält, sind also in doppelter Hinsicht ein Fortschritt gegenüber dem Kalorienzählen.

Die Lösung des Abnehmproblems sind sie allerdings nur dann, wenn man rein die physiologischen Aspekte betrachtet. In der Realität kämpfen abnehmwillige Menschen mit Problemen, die mit dem Lebensmittelpaket nichts zu tun haben, die durch das Paket nicht gelöst werden können. Auch abnehmwillige Menschen haben Hunger, was sollen sie tun, wenn sie die Tagesration aufgegessen haben? Auch abnehmwillige Menschen haben Freunde und Familie, wie sollen sie mit Einladungen und Essensaufforderungen umgehen? Auch (und vielleicht gerade) abnehmwillige Menschen machen manchmal Sport, bewegen sich manchmal mehr als an anderen Tagen. Im Essenspaket ist aber nur für jeden Tag die gleiche Essensmenge drin. Auch abnehmwillige Menschen gehen durch Fußgängerzonen und werden von der Werbung zum Essen aufgefordert. Auch abnehmwilligen Menschen kommt mal was dazwischen, so dass sie zum Essen nicht zuhause sind. Auch abnehmwillige Menschen möchten im Sommer mal ein Eis essen. Auch abnehmwillige Menschen haben mal Kummer, Stress und Sorgen, die durchaus dazu führen können, dass sie bei Schokolade und anderen kalorienreichen Versuchungen schwach werden.

Die Liste der ganz alltäglichen Abweichungen vom Plan ist lang. Es reicht nicht aus, drei oder fünf Mahlzeiten am Tag vorzugeben und einfach zu verlangen, dass sonst nichts gegessen werden darf. Es braucht auch Strategien, wie mit allen diesen alltäglichen Situationen umgegangen werden kann.

Hinzu kommt, dass ein offensichtlicher Vorteil der Lebensmittelpakete bei genauerer Betrachtung vielleicht garkeiner ist. Man braucht nicht einzukaufen, man braucht nicht zu kochen, man braucht nicht zu überlegen, was man essen möchte. Man braucht sich nicht mit dem Essen zu beschäftigen, man kann das Essen weitgehend unbeachtet nebenher laufen lassen. Dabei ist einer der Gründe dafür, dass so viele übergewichtig sind, genau diese Tatsache: Dass so viele das Essen weitgehend unbeachtet nebenher laufen lassen. Sich nicht mit dem Essen zu beschäftigen, macht dick, nicht schlank.

Dagegen ist die Erkenntnis, dass Essen sowohl lebensnotwendig als auch eine ganz wichtige Quelle des Genusses ist, ein bedeutender Schlankmacher. Viele haben vergessen, wie wichtig Essen ist, einfach weil es heutzutage ständig und in beliebiger Menge und Auswahl verfügbar ist. Den Dingen, die uns wichtig sind, widmen wir viel Zeit und Aufmerksamkeit. Indem wir dem Essen unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit entziehen, lassen wir zu, dass es unwichtig wird, was auch bedeutet, dass wir zulassen, dass andere darüber entscheiden, was und wieviel wir essen. Die Folgen sind bekannt, wir essen zuviel, vor allem zuviel Ungesundes. Die Essenspakete setzen diese Fremdbestimmung fort, auch wenn sie in guter Absicht gesunde Lebensmittel enthalten.

Besser wäre zu lernen, wieder aufmerksam zu essen, sich wieder mehr mit dem Essen zu beschäftigen. Die Wichtigkeit zu akzeptieren und entsprechend Zeit und Aufmerksamkeit für das Essen und seine Zubereitung aufzubringen. Denn wenn das Essen sozusagen unter dem Radar läuft, wenn wir die Fremdbestimmung zulassen, dann wird es uns garnicht auffallen, wenn die Lebensmittelindustrie und die Werbung, wenn Zucker und Fett die attraktiveren Argumente haben. Wer dagegen aufmerksam isst, wer dem Essen Zeit und Sorge widmet, wer es also wichtig nimmt, der kann die Verführung und die Fremdbestimmung erkennen und sich aktiv für eine bessere Ernährung, für gesünderes und schmackhafteres Essen entscheiden. Zu lernen, selbstbestimmt zu essen, ist mühsamer, aber auf Dauer zielführend. Die eine Fremdbestimmung durch die andere zu ersetzen, auch wenn es dafür sicherlich gute Argumente gibt, löst das Problem immer nur zeitweise.

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