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Abnehmen – Kritik
Über alles, was man beim Abnehmen so falsch machen kann

Ein paar Anmerkungen zur elektronischen Selbstvermessung

Quantified Self, das ist eine schon garnicht mehr ganz so neue Bewegung, die es seit einiger Zeit auch in Deutschland gibt. Die Idee dahinter ist, perfekt zu werden. Der perfekte Körper, der perfekte Lebenswandel, alles muss optimiert werden. Dass dabei unter anderem auch Stresslevel gemessen und optimiert werden, gibt dem Ganzen schon eine fast perfide Note.

Denn natürlich gibt es für alle zu messenden Größen, und das sind viele, einen optimalen Wert, nach dem der Selbstvermesser strebt. Täglich muss der Körperfettanteil niedriger sein als noch gestern, täglich muss mindestens eine bestimmte Anzahl Schritte zurückgelegt werden, täglich muss jeder Messwert optimal sein, und wenn er es noch nicht ist, so muss doch zumindest eine Veränderung in die richtige Richtung erkennbar sein. Die entsprechenden Aktivitäten, die diese Verbesserungen in Gang setzen sollen, sind selbstverständlich Pflicht. Dabei hat der Selbstvermesser fröhlich und gut gestimmt zu sein, denn auch das ist Bestandteil des optimalen Lebenswandels.

Welche Größen gemessen werden, richtet sich dabei weniger nach inhaltlicher Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit, sondern nach technischer Machbarkeit. Und diese wird großzügig definiert. Zum Beispiel ist einer der beliebtesten Messwerte der Kalorienverbrauch bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten. Dass ein solcher Wert nur unter Laborbedingungen einigermaßen exakt gemessen werden kann und die Werte, die die Messgeräte und Apps anzeigen, nur grobe Schätzungen sind, interessiert die Selbstvermesser wenig. Die Annahmen, auf denen die Schätzungen beruhen, sind nicht Teil der Selbstoptimierung.

Der Selbstoptimierer kann in unangenehme Situationen kommen. Er erfasst selbstverständlich ständig seine Kalorienaufnahme, seinen Kalorienverbrauch, sein Körpergewicht und seinen Körperfettanteil. Jetzt steht er nur noch vor der Aufgabe, diese Werte logisch miteinander in Einklang zu bringen. Und dabei noch gut gelaunt zu bleiben. Das ist nicht immer einfach.

Das kann sogar in echten Stress ausarten, der dann natürlich nicht so optimal ist. Denn zur Selbstoptimierung gehört ganz selbstverständlich das sofortige Veröffentlichen sämtlicher erhobener Daten. An dieser Stelle unterscheidet sich der Denkansatz von Quantified Self von ähnlichen Bestrebungen, die es zum Beispiel im Leistungssport gibt. Dort werden auch jede Menge Daten erhoben, mit dem Ziel der Trainingsoptimierung. Aber ganz sicher nicht veröffentlicht.

Diese Trainingsoptimierung ist natürlich auch Bestandteil der Selbstoptimierung. Denn selbstverständlich ist die optimale Fitness Teil des großen Ziels. Dabei wird oft vergessen, dass Messwerte, selbst wenn sie wirklich exakt erhoben werden, nur ein kleiner Teil der Miete sind. Man muss sie auch interpretieren können, was statistisches, messtheoretisches, medizinisches und sportwissenschaftliches Fachwissen voraussetzt.

Man kann nur hoffen, dass die Selbstöffentlichmacher sich über die Konsequenzen ihres Handelns im Klaren sind. Denn auf der einen Seite wird es nur sehr wenigen gelingen, mit ihren Publikationen das Interesse Gleichgesinnter auf sich zu ziehen, andererseits ist das datenschutztechnisch natürlich ein selbst verursachter Super-Gau. Welche Schlüsse unfreundlich gesonnene Andere aus den Daten ziehen werden, und welche Konsequenzen dies für die Betroffenen haben wird, bleibt noch abzuwarten. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass die riesigen Datensätze mehr Informationen enthalten, als die meisten Betroffenen ahnen.

Die meisten Selbstoptimierer erheben zwar jede Menge Körperdaten und sonstige Daten über sich selbst, verlassen sich bei der Auswertung allerdings auf die mitgelieferte Software und bleiben damit natürlich weit unter den Möglichkeiten, die ihre Datensätze ihnen bieten würden. Statt sich mit Statistik zu befassen, kaufen sie lieber das nächste Messgerät, die nächste App.

Das ist ein gutes Geschäft für die Hersteller, die nicht müde werden, immer neue Aspekte menschlicher Körperfunktionen messbar zu machen. Wodurch erklärlich wird, dass die meisten Veröffentlichungen sich unkritisch bis begeistert zu dem Thema äußern. Denn wer diese Produkte bewirbt, verdient mit.

Die Idee zu diesem Artikel kam mir bei der Lektüre beim Fitnesstester.

2 Kommentare… jetzt kommentieren:
  • Hallo Astrid,

    wie ich sehe, beschäftigt dich diese Thema schon länger und du hast natürlich auch mit einigen Aussagen vollkommen recht. Aber wie bei allem was wir tun, gibt es ein zuwenig, genau richtig oder viel zuviel und so verhält es sich auch bei Quantified Self. Natürlich und das habe ich ja auch schon in meinem Artikel geschrieben, handelt es sich bei den erlangten Daten nicht um absolute Referenzdaten, wonach man sich ab jetzt nur noch zu richten hat, sondern sollen einen lediglich bei dem unterstützen, was man sowieso macht. Übertreiben kann ich natürlich alles – und dann ist vieles nicht gut oder ungesund – aber wer Spaß an der Sache hat und vernünftig damit umgeht sehe ich auch kein Problem an der Selbstvermessung.

    Beste Grüße

    Michael
    Der FitnessTester

  • Astrid Kurbjuweit

    Genau, es kommt auf die richtige Interpretation der Daten an. Und das setzt etwas voraus, was die meisten nicht haben, nämlich Fachkompetenz. Die meisten Laien nehmen die Werte als exakte Abbilder der Wirklichkeit. Wenn da steht, du hast 327 Kalorien verbraucht, dann sind sie überzeugt, dass es exakt 327 waren. Was höchst unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlicher ist, dass die subjektive Wahrnehmung der Anstrengung bei der jeweiligen Tätigkeit den exakteren Wert liefert. Aber dazu muss man eben auf sich selbst vertrauen.

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